Alles fließt...

...und nichts bleibt. Mozarts stürmische Oper „Idomeneo“ steht im Zentrum der styriarte 2008. Dirigent und Regisseur Nikolaus Harnoncourt geht dem Stoff konsequent auf den Grund.

 

Tauchgang zum Meeresgrund

Genau 212 Jahre ist es her, dass die Grazer zum ersten Mal Auszüge aus Mozarts „Idomeneo“ zu hören bekamen. Mozarts Witwe Konstanze hatte sie 1796 aufs Programm eines Benefizkonzerts gesetzt und in der „Grätzer Zeitung“ angekündigt: „Tiefe Musikkenner räumen dem Idomeneo eine der vorzüglichsten Stellen unter seinen übrigen Arbeiten ein.“ Im Sommer 2008 kann sich das styriarte-Publikum davon überzeugen, wenn Nikolaus Harnoncourt seine szenische Produktion des Werkes vorstellt. Premiere ist am 1. Juli.

 

Erlesene Besetzung

Teil des Idomeneo-Buehnenbildes (nach pompeianischen Wandmalereien)

Der Maestro fungiert in der Helmut-List-Halle als Dirigent und Regisseur in Personalunion. Für die sechs Aufführungen hat er sich sein „Idomeneo-Dreamteam“ zusammengestellt: Die deutsche Sopranistin Julia Kleiter singt die Trojanerprinzessin Ilia, die Schweizerin Marie-Claude Chappuis ihren Geliebten, den Kreterprinzen Idamante, in Mozarts Urfassung eine Kastratenpartie. Die Italienerin Eva Mei gibt der rachsüchtigen Elettra funkelnden Glanz. Der albanische Tenor Saimir Pirgu, derzeit an der Wiener Staatsoper ein gefeierter Don Ottavio, wird sich den extremen Herausforderungen der Titelpartie stellen. Doch in dieser Oper kommt es nicht nur auf die Solisten an. Die großen Chorszenen und der aufgewühlte Orchesterklang machen „Idomeneo“ zu einer Oper der stürmisch bewegten Natur. In Graz verleiht der Arnold Schoenberg Chor den Sturmszenen jene unbändige Kraft, die Mozarts Zeitgenossen erschütterte. Der Concentus Musicus Wien lässt im Originalklang erahnen, wie neuartig das junge Genie hier die Klangfarben seiner Zeit mischte – zu einem Tableau des stürmischen Meeres und der aufgewühlten Seelenlandschaften.

Dieser reichen Pallette fügt Nikolaus Harnoncourt noch eine weitere Dimension hinzu, die für gewöhnlich unterschlagen wird: das Ballett. Mozart konzipierte den „Idomeneo“ nach französischem Vorbild als eine Oper mit getanzten Chören und aufwendigen Balletteinlagen. Wenn die Kreter vor dem plötzlich hereinbrechenden Sturm fliehen, ließ er anno 1781 das Ballett eine „tragische Pantomime“ ausführen, während der Chor dazu sang. Harnoncourt wird diese Ballettszenen zum ersten Mal ungekürzt aufführen und sie konsequent in die Handlung integrieren. In der Choreographie von Heinz Spoerli tanzen Solisten des Züricher Balletts.

Üppig sind die Mittel, die der Grazer Maestro für seinen „Idomeneo“ aufwendet. Sie kommen einem Drama zugute, mit dem der junge Mozart die Konventionen seiner Zeit sprengte, um eine erschütternde Geschichte aus dem antiken Griechenland zu erzählen.

 

Stoff für ein Genie

Teil des Idomeneo-Buehnenbildes (nach pompeianischen Wandmalereien)

König Idomeneo steht einsam am Strand von Kreta. Mit letzter Kraft ist der Heimkehrer von Troja dem Sturm entronnen und hat das rettende Ufer seiner Heimat erreicht, doch er weiß, was ihm bevorsteht: Für sein eigenes gerettetes Leben muss ein anderer bezahlen. Der erste Mensch, der ihm am Ufer begegnet, wird dem Meeresgott geopfert, so hat es der König geschworen. Nun lastet nicht mehr der Sturm auf ihm, sondern der Fluch seines Gelübdes – doppelt schwer, als er begreift, wer ihm in die Arme läuft: sein eigener Sohn.

Es braucht nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, in welches Fieber schöpferischer Begeisterung der junge Mozart geriet, als er diese Szene zum ersten Mal las. Das war im Sommer 1780, der Münchner Hof hatte eine Oper für den Fasching bei ihm bestellt, und Mozart war fest entschlossen, in diesem Stück alles zu zeigen, was er konnte im tragischen Fach. Seine „Münchner Opera“ bescherte ihm die Zusammenarbeit mit dem besten Orchester der Welt, mit einem tüchtigen Opernchor, einer virtuosen Ballettkompanie und europäischen Berühmtheiten der Opernbühne.

All dies musste hinein in die „große Opera“, die bald so groß wurde, dass sie in keine Schublade mehr passen wollte. Im Orchester wurde „auf Leib und Leben probiert“, wie Mozart seinem Vater berichtete, einer seiner Sturmchöre war „so stark, dass er jeden auch in der größten Sommerhitze eiskalt machen musste“. Das Werk des 25-Jährigen erschien den Zeitgenossen wie ein einziges „erschröckliches Crescendo“. Hier schuf sich ein Genie des Musiktheaters ein Ventil für jahrelang angestaute Erfindungskraft.

 

Fassungsfragen in der Überfülle

Bis heute ist es diese Überfülle an Inspiration und Kreativität, die dem „Idomeneo“ ihren Stempel aufdrückt und ihn zur permanenten Herausforderung macht – für Dirigenten wie Regisseure. Vor mehr als einem Vierteljahrhundert wischte Nikolaus Harnoncourt zum ersten Mal den Staub von Mozarts kühnster Opernpartitur – immerhin zu einer Zeit, als noch die Ästhetik eines Karl Böhm die Deutung des Operngenies aus Salzburg bestimmte. Der Grazer Maestro wagte es, wider den Stachel zu löcken (sich zu widersetzen) und den „Jungen Wilden“ Mozart beim komponierten Wort zu nehmen. Kompromisslos peitschte er die Stürme des Meeres und des Herzens in Mozarts große Chorszenen, offenbarte in den Accompagnato-Rezitativen geheimste Seelenregungen, nahm den Arien jede Spur von Statuarik.

Während Harnoncourt so die Mozartwahrheiten der Siebziger Jahre provozierend außer Kraft setzte, entdeckte ein emsiger Musikforscher in bayerischen Archiven Sensationelles: Robert Münster, damals Leiter der Musikabteilung der Bayerischen Staatsbibliothek, fand pünktlich zum 200. Geburtstag des Werkes eine der wichtigsten Quellen wieder: die Partitur der Münchner Uraufführung. An ihr und Mozarts Autograph orientiert sich Nikolaus Harnoncourt für seine neue, definitive Lesart der Quellen. Konsequenter als alle seine Vorgänger wird er die Münchner Urfassung des „Idomeneo“ wieder herstellen – bei der styriarte 2008.

Lesen Sie mehr zu dieser Produktion im Magazin 2 / 2008

 

Daten und Fakten

Wolfgang Amadeus Mozart: Idomeneo, KV 366
(szenische Produktion in italienischer Sprache)

Mitwirkende:
Saimir Pirgu (Idomeneo, König von Kreta)
Marie-Claude Chappuis (Idamante, sein Sohn)
Julia Kleiter (Ilia, Tochter des geschlagenen Trojanerkönigs Priamos)
Eva Mei (Elettra, Tochter des Agamemnon)
Jeremy Ovenden (Arbace, Vertrauter des Königs)
Rudolf Schasching (Gran Sacerdote, Oberpriester Neptuns)
Yasushi Hirano (La Voce)
Solisten des Züricher Balletts
Arnold Schoenberg Chor
Concentus Musicus Wien

Musikalische Leitung und Inszenierung: Nikolaus Harnoncourt

Ko-Regie: Philipp Harnoncourt

Choreographie: Heinz Spoerli

Bühne: Rolf Glittenberg

Kostüme: Renate Martin & Andreas Donhauser

Lichtdesign und technische Direktion: Friedrich Rom

Statisten: Roland Gössler, Michael Jaritz, Anna La Fontaine, Irina Mocnik, Gabriela Müller-Hauszer, Christian Plach

Kinderstatisten: Felix Laundl, Maximilian Singer (Arbace-Kinder)
Oskar Dexl, Viktoria Dexl, Alba Doujenis, Delia Doujenis, Alina Pucher, Nikolaus Singer, Adrian Zingl

Texte und weitere Informationen lesen Sie im Programmheft Idomeneo.

 

Termine

Dienstag, 1. Juli 2008
Donnerstag, 3. Juli 2008
Dienstag, 8. Juli 2008
Donnerstag, 10. Juli 2008
Samstag, 12. Juli 2008
Dienstag, 15. Juli 2008

Helmut-List-Halle, jeweils 19 Uhr

 

Besuchen Sie auch die Einführungen zu Mozarts Idomeneo, die jeweils eine Stunde vor Vorstellungsbeginn stattfinden und von Thomas Höft gestaltet werden:

Dienstag, 1. Juli 2008
Donnerstag, 3. Juli 2008
Dienstag, 8. Juli 2008
Donnerstag, 10. Juli 2008
Samstag, 12. Juli 2008
Dienstag, 15. Juli 2008

Helmut-List-Halle, jeweils 18 Uhr

 

Eine Fernseh-Dokumenation zur Probenarbeit in diesem spannenden Projekt wird am Sonntag, dem 29. Juni 2008, um 10.05 Uhr, auf ORF 2 ausgestrahlt (Näheres siehe hier).

Die Aufführung vom 10. Juli wird vom ORF aufgezeichnet und live auf Radio Ö1 gesendet (10. Juli 2008, 19.00 Uhr).

 

Rezensionen & Photos

Rezension Der Standard vom 3. Juli 2008
Rezension Die Presse vom 3. Juli 2008
Rezension Die Welt vom 3. Juli 2008
Rezension Frankfurter Allgemeine vom 3. Juli 2008
Rezension Frankfurter Rundschau vom 4. Juli 2008
Rezension Gießener Allgemeine vom 3. Juli 2008
Rezension Kleine Zeitung vom 3. Juli 2008
Rezension Kronenzeitung vom 3. Juli 2008
Rezension Münchner Merkur vom 3. Juli 2008
Rezension Neue Zürcher Zeitung vom 4. Juli 2008
Rezension Salzburger Nachrichten vom 3. Juli 2008
Rezension Süddeutsche Zeitung vom 3. Juli 2008
Rezension Szabos Kritisches Journal der Alten Musik vom Juli 2008
Rezension www.rhein-main.net vom 3. Juli 2008

Zur Photogalerie auf www.photowerk.at